Es wäre witzig, wenn es nicht so traurig wäre: Ein großes deutsches Nachrichtenmagazin titelt einen Artikel im März 2018 – satte 41 Jahre nach der ersten Knallerkonsole, der Atari 2600 – tatsächlich mit der Frage, was eSports eigentlich sei. Pardon, natürlich muss das immer “Phänomen” eSports genannt werden. Manche bezeichnen eSports-Events sogar als “Hype”. Wer will sich schon ernsthaft in eine Arena setzen und Leuten zuschauen, die ein Spiel spielen? Fußball hat sich als Zuschauersport ja auch nie so richtig durchgesetzt. /s.

Was ist da passiert? Oder vielmehr: Was nicht? Wie kann es sein, dass Gaming von vielen  immer noch als irgendwie neu und nischig empfunden wird, wenn die ESL und League of Legends Turniere mittlerweile Hallen mit tausenden Fans füllen? Wenn die Games Week Berlin über 15,000 internationale Besucher anzieht, und das Branchenmekka Gamescom in Köln satte 370,000 Gaming Fans aus aller Welt?

Mit Twitch.tv gibt es mittlerweile eine eigene Video-Plattform für Games-Streaming, bei der alleine der Kanal für ein einziges Spiel – League of Legends – inzwischen eine Milliarde Views verzeichnet hat. Ist es denn wirklich so überraschend, dass so viele Gamer auch im echten Leben zusammenkommen wollen, wenn sie oft schon jeden Tag zusammen mit anderen spielen – nur eben online? Und dass sie Profigamer bewundern, die ihr Hobby meisterhaft beherrschen? Wochenendfußballer schauen schließlich auch regelmäßig die Bundesliga und gehen ab und an zu Spielen ihrer Lieblingsvereine.

Auch Michael Liebe, einer der Gründer der Berlin Games Week, kann nichts Neues daran finden, dass Menschen sich Computerspiel-Wettbewerbe anschauen möchten, räumt aber ein, dass sich erst jüngst auch große Marken, wie jetzt McDonalds oder Mercedes, als Sponsoring Partner für Teams und Turniere engagieren. Auch neu sei die mediale Aufmerksamkeit für die Zuschauerzahlen und Preisgelder, die ihrerseits die Zuschauerzahlen und Preisgelder nach oben treiben.

Ich vermute, dass das in der breiten Öffentlichkeit schwach verankerte Bewusstsein von eSports unter anderem daher kommt, dass die Gaming Community weitgehend unter sich bleibt. Ist halt richtig schwer, jemandem seine Begeisterung über ein richtig, richtig gut gemachtes Spiel zu vermitteln, wenn das Gegenüber selbst nie gezockt hat, und nicht versteht, dass Spiele wie Maniac Mansion und Summer Games, das erste Civilizations, oder LAN Sitzungen mit Age of Empires, Half Life oder StarCraft durchaus kindheitsprägend waren.

Viele von uns haben in unserer Jugend viele Stunden und Tage zusammen mit unseren Geschwistern und Freunden am PC oder der Konsole verbracht, und denken gerne an diese gemeinsam verbrachte Zeit zurück. Und als (junge) Väter und Mütter möchten wir diese Leidenschaft auch mit unseren eigenen Kleinen teilen, sobald sie einen Controller halten können. Ja ganz richtig, Gaming gibt’s schon seit Jahrzehnten und verbindet Generationen inzwischen ähnlich wie das Baseball-Werfen in den USA oder Kicken hierzulande.

Esports Events sind deswegen auch nicht über Nacht explodiert und mitnichten neu oder “überraschend” populär, sondern über viele Jahre hinweg stetig gewachsen. Es ist viel überraschender, wie viele Leute immer noch von der Popularität von digitalen Spielen und eSports-Events überrascht sind.

Vielleicht sollten vor allem ältere und weibliche Gamer (ja, die gibt’s) ein bisschen offener mit ihrem Hobby umgehen und sich ohne Scham dazu bekennen, dass sie gerade das komplette Wochenende mit Arthur Morgan in der virtuellen Prärie verbracht haben. Oder mit ihren nicht-game-affinen Freunden einfach mal eine lockere Runde Towerfall auf der Couch drehen.

Dann müssten wir vielleicht nicht ständig Artikel zum “Phänomen” eSports lesen, und könnten uns in Deutschland auch an den Gedanken gewöhnen, dass es auch hierzulande seit den Siebzigern passionierte Gamer gibt. Und uns nicht länger darüber wundern, dass sich diese Gamingfans tatsächlich ab und an und  zu Zigtausenden ins echte Leben wagen, um ihr Hobby gemeinsam mit Gleichgesinnten bei Messen und eSports-Events zu feiern.