Von Annett Polaszewski-Plath, Geschäftsführerin Eventbrite Deutschland

Vor nicht allzu langer Zeit ging durch die Presse, dass der Vorstand von Eventbrite jetzt zu 50 Prozent von Frauen gestellt wird. Damit sei unser Unternehmen “way ahead of the curve”, schreibt Emma Hinchliffe im Fortune Magazine. Und die Initiative ‘Keychange’ von der PRS Foundation – hierzulande unter anderem unterstützt vom Reeperbahn Festival, dem Jazzfest Berlin und der Most Wanted: Music möchte, dass die Lineups von Musikfestivals- und Konferenzen bis zum Jahr 2022 zur Hälfte aus Frauen bestehen. Auch der Chef der Berlin Music Commission, Olaf Kretschmar, findet, dass viel mehr Frauen in der Musikbranche arbeiten sollten, und zwar nicht nur auf der Bühne, sondern auch bei Promotern, Labels, und so weiter.

Aber warum ist das eigentlich so erstrebenswert, mehr Frauen in der Branche zu beschäftigen? Die Replik “Weil es noch zu wenige sind” (2015 stellte der VUT fest, dass lediglich 7,4 Prozent der mehr als tausend Mitgliedsunternehmen von Frauen geführt werden. 5,5 Prozent haben gemischte Teams an der Spitze) ist da bloß ein wenig erhellender Zirkelschluss. Gehts bei der Forderung nach Geschlechterparität vielleicht doch vor allem darum, das eigene Gutmenschentum öffentlichkeitswirksam zur Schau zu tragen? Ist das alles nur Political Correctness und PR?

Man erweist dem Streben nach Vielfalt am Arbeitsplatz einen Bärendienst, wenn man diese Frage ignoriert und so potenzielle Verbündete vor dem Kopf stößt. Es gibt sachliche und ideologiefreie Argumente dafür, warum Diversität in Unternehmen eine gute Sache ist. Was also sind die Gründe dafür, dass wir gerne mehr Frauen in der Branche sehen würden? An der Gitarre, auf dem Chefsessel oder am Mischpult?

Das erste Argument ist so banal wie handfest: Wer Frauen ansprechen möchte – immerhin gut die Hälfte der deutschen Bevölkerung – sollte verstehen, was sie erwarten, was sie wollen, und was sie zum Kauf bewegt. Wenn dieses Verständnis bereits im Unternehmen ist, in Form der persönlichen Erfahrungen und Präferenzen der Kolleginnen, fällt diese Ansprache natürlich viel einfacher. Und je mehr Frauen in Entscheidungen eingebunden werden, desto eher können sie die vielen verschiedenen Sichtweisen dieser sehr heterogenen Zielgruppe “Frauen” widerspiegeln und in effektive Kampagnen ummünzen.

Tom Kurth von Native Instruments in Berlin pflichtet dem bei: „Wir sind der Meinung, dass „diverse“ Entscheidungen bessere Entscheidungen sind, da sie Probleme und Herausforderungen von allen Seiten und Perspektiven beleuchten und damit nicht zuletzt auch zu Produkten und Angeboten führen, die nicht nur eine Teilgruppe der Kunden erreicht, sondern alle. Damit ist das nicht nur eine Frage der gesellschaftlichen Verantwortung eines Unternehmens, sondern auch ein wirtschaftlich sehr nützliches und erfolgreiches Verhalten.“

Gleich mehrere Studien haben zudem belegt, dass heterogene Teams leistungsfähiger sind als homogene. Eine vielfältigere Belegschaft führt zu einer höheren Vielfalt an Erfahrung, Sichtweisen, Ideen, und das drückt sich wiederum in effizienteren Prozessen, einer höheren Innovationskraft und letztendlich in besseren Ergebnissen aus. Und wer in gut funktionierenden Teams arbeitet, ohne das Gefühl zu haben, eine Ausnahmeerscheinung zu sein, fühlt sich stärker an ein Unternehmen gebunden, und setzt sich entsprechend ausdauernder dafür ein.

Brauchen wir also wirklich mehr Frauen in der Musikbranche? Ja, natürlich.

Und nicht nur das. Das Geschlecht ist ja nur ein Aspekt von Diversität. Jeder Mensch, der neue Sichtweisen mitbringt, anders denkt als der Rest der Belegschaft, kann eine Bereicherung sein, dem Miteinander und letztendlich dem Unternehmen gut tun. In der Musikbranche, und überall dort, wo Menschen unsere Kultur und unsere Zukunft prägen.

Dieser Meinungsbeitrag wurde zuerst in der aktuellen Musikwoche (Ausgabe 04/2019) veröffentlicht.